Articolo anche in: Tedesco Francese

Mit der Zeit, gegen die Zeit

Gedichte von Sibylle Berg, Franz Dodel, Jürgen Theobaldy, Rudolf Bussmann und Leonor Gnos

Una poesia si legge sempre anche come un’eco del tempo in cui è stata scritta. Ciò risulta particolarmente evidente nelle Gedichten gegen den Weltuntergang di Sibylle Berg, sottotitolo alla sua raccolta Try Praying. La lettura rivela tuttavia qualcosa di completamente inaspettato: l’idea della fine del mondo contiene anche un memento mori individuale. Sebbene i versi facciano riferimento alle crisi e alle catastrofi attuali, il tono rimane sempre personale, come si osserva anche nelle ultime raccolte di Franz Dodel, Jürgen Theobaldy, Rudolf Bussmann e Leonor Gnos. (bm trad. np)

Die Aktualität fordert heraus. Klima, Krisen, Kriege stellen die Literatur auf die Probe. Was vermag sie den schlechten Nachrichten und trüben Aussichten entgegenzuhalten? 1939 formulierte Bertolt Brecht im Gedicht «Schlechte Zeiten für Lyrik» die Zeilen: «In meinem Lied ein Reim / Käme mir fast vor wie Übermut», um gleich anzuschliessen:

In mir streiten sich
Die Begeisterung über den blühenden Apfelbaum
Und das Entsetzen über die Reden des Anstreichers
Aber nur das zweite
Drängt mich zum Schreibtisch.

Diesen inneren Widerstreit tragen Lyriker:innen bis heute aus. Ihre Antworten darauf sind so verschieden wie persönlich.

Sibylle Berg: Try Praying

Sibylle Berg, die Prophetin der rabenschwarzen Zukunft, geht es in Try Praying direkt und unverblümt an. «Gedichte gegen den Weltuntergang» heisst der Band im Untertitel, in dem sie sich den Übermut von Reimen gönnt.
Das klingt gleich eingangs etwa so:

Frau Müller war seit Jahren einsam –
seit obs dem Zug in Vals ihr Mann kam
Nun stand auch noch die Weihnacht an
ein Jahr, nachdem es ihren Mann nahm.

In ihren letzten beiden Romanen GRM und RCE zeichnete Sibylle Berg ein düsteres Zukunftsszenario. Das obige Zitat veranschaulicht, dass sie in ihrer Lyrik einen anderen Ton anschlägt. Berg reimt um des Reimes willen ohne Rücksicht auf Rhythmus und Wortfolge, dass es schwer fällt, diese Gedichte, die «Ein schönes Weihnachtsgedicht», «Urlaubsgedicht» oder «Einige lustige Gedichte, um die Stimmung zu heben» heissen, so ganz ernst zu nehmen. Sie sind im Ton salopp, in der Machart rüttelnd und holpernd wie Gedichte bei der Geburtstagsfeier. Eine kritische Analyse hilft da kaum weiter, denn das alles klingt sonderbar und schräg, selbst aus der Hand einer Autorin, der vieles zuzutrauen ist. Ein Motiv allerdings bricht immer wieder durch und lässt einen ernsthaften Beweggrund erahnen.

Das sind so Tage, Tage im Jahr
wo ich mich schon frage, ob das alles war
das sind wirklich Tage, da wird mir fast klar
dass dieser Mist es tatsächlich war

Das Gebet im Titel bezieht sich auf dieses Memento mori, die kränkende Vergänglichkeit. Berg politisiert hier nicht, sie bedichtet ihren eigenen, sehr persönlichen Weltuntergang. Die Zeit vergeht, die erwartbaren Lebensjahre schwinden: All das ist nichts für Feiglinge. Sibylle Berg stochert im Zwiespalt zwischen Demut und Erwartungen, zwischen Scherz und tiefer Bedeutung.

ich sehne mich so sehr nach früher
als alles noch Versprechen war

Die sentimentale Gefühlslage zerschellt indes an der lyrischen Form, die nie recht über den Charakter von Gelegenheitsgedichten hinausfindet. Aber vielleicht steckt eh eine andere Intention dahinter. Vielleicht liegt diesen Gedichten eine lustvolle Spielerei zugrunde, mit der sich Sibylle Berg von der harschen Rigorosität ihrer eigenen Weltuntergangsfantasien befreit. Und es fragt sich, ob die Autorin nicht schallend lacht ob der Kritik, die sich linkisch einen Reim drauf macht. Bei allem Respekt, unter poetischen Gesichtspunkten ist ihr Try Praying missglückt. Doch Lachen befreit. Ein Punkt für die Dichterin.

Franz Dodel: Sondagen

Über den Weltuntergang schweigt sich Franz Dodel wohlweislich aus. Als Abkehr von der Welt ist dies dennoch nicht zu werten. In seinem endlos-Haiku Nicht bei Trost, das mit dem Band 8 Sondagen die Verse 42'000 bis 48'000 vorlegt, trotzt Dodel der Welt mit einer radikalen Konzentration auf unmittelbar nahe Erfahrungen.

dieser Text schreitet voran
ohne dass sich ein
Fortschritt erkennen liesse

Sein Gedicht bezeichnet er als «Itinerar» unbeleuchteter Strassen, als «Verzeichnis ohne Geländer», in dem der Zweifel, die Sorge, die Skepsis stets mitschwingen. Sie sind Garanten einer Weltanschauung, die sich nicht aufs Rechthaben versteht, sondern auf die Demut und den Respekt vor der Natur, der Kultur, den anvertrauten Mitmenschen.

Dodel schreibt im ruhigen Rhythmus von 5-7-5-7 Silben von persönlichen Lektüren, musikalischen Erlebnissen, Beobachtungen in der Natur und intimen Empfindungen. Das ist wie seit den ersten Versen vor über zwanzig Jahren schön und tröstlich zu lesen und es steht nie in Verdacht, dass sich hier ein Dichter abschottet und selbst genügt. Die Verse atmen immer eine Zugewandtheit zur Welt, auch wenn das lyrische Ich zuerst vor die eigenen Füsse schaut, bevor es den Horizont nach den gegenwärtigen Katastrophen absucht. Doch immer wieder signalisiert es, dass es um diese Katastrophen weiss und gewillt ist, sich ihnen zu stellen. Diskret fragt es sich beispielsweise: Woher rührt «die lächerliche / Verzweiflung jedes Mal / wenn ein Reissverschluss klemmt«, und anderswo «weinende Kinder an / Grenzzäunen stehen». Das Ich begreift es nicht, akzeptiert dies auch, denn «etwas bleibt / stets unverständlich». Die Ruhe und Gelassenheit sind somit weder mit Sorglosigkeit noch mit Fatalität zu verwechseln, sie suchen den Schatten, der, wie es in Dantes Divina Commedia heisst, bezeugt, dass er noch unter den Lebenden weile, oder, mit eigenen Worten, der Schatten, der sich «festhält an mir solange / es das Licht erlaubt». In dem Sinn pflegen Franz Dodels präzise Beobachtungen und inspirierende Bemerkungen in aller Ruhe die Unruhe, dass diese sich auf die Leser:innen überträgt. Und weil er weder Punkt noch Komma setzt, lässt sein endlos-Haiku stets die Freiheit, in die Lektüre ein- oder aus ihr auszusteigen.

Jürgen Theobaldy: Auswahl aus 50 Jahren

Unter dem Begriff «Neue Subjektivität» entstand in den 1970er Jahren eine literarische Richtung, die einen Gegentrend zur politisch engagierten Literatur der 68er-Generation bildete. Einer ihrer frühen Vertreter war – nebst Nicolas Born oder Rolf Dieter Brinkmann – der Dichter und Erzähler Jürgen Theobaldy. Sein Gedichtband Blaue Flecken fing schon im Titel eine Gefühlslage ein, die zwischen Schmerz und Utopie schwankte. In einem Aufsatz mit dem Titel «Das Gedicht im Handgemenge» hielt er programmatisch fest: „«Der Lyriker setzt seine Person ein, legt die sinnlich erfahrbaren Nöte offen, auch als Voraussetzung für gesellschaftliche Umwälzungen». Der jüngst von ihm erschienene Auswahlband Nun wird es hell und du gehst raus, eine Auswahl aus seinen insgesamt 16 Gedichtbänden, lässt noch immer den frischen, frechen Ton dieser Lyrik erahnen, mit dem damals ein neues Lebensgefühl festgehalten wurde. Zum Beispiel «Speziell für dich»:

Weil du gern Pflaumenmus magst
habe ich heute Pflaumenmus gekauft
Ich nahm mir ein Herz
trat hinein in den Delikatessenladen
und kaufte 'Pflaumenmus – Pflückfrisch'
O komm vorbei! (…)

Das Einbrechen des Alltags ins Poetische klingt banal und hat gerade deshalb Aufsehen erregt. Die «Neue Subjektivität» sollte indes nicht mit einer unpolitischen Haltung verwechselt werden. Vielmehr suchte die neue Generation eine Balance zwischen subjektiver Achtsamkeit und Engagement für die Welt. In den zwei folgenden Bänden Zweiter Klasse (1976) und Schwere Erde, Rauch (1980) bestätigte Theobaldy diesen mitunter als banal empfundenen Zugang zur Lyrik.
Allein: «Wer immer wir sind / wir sind es nicht immer». Die Gedichte Theobaldys haben sich seither gewandelt, ohne aber die angesprochene Balance aufzugeben. Aus einer subjektiven Optik ist es auf zurückhaltende Weise politisch geblieben, beispielsweise in «Fernsehen» angesichts des Infernos von 9/11.

Was konnten sie einander sagen
jene zwei am offenen Fenster,
bevor sie Hand in Hand
vom brennenden Tower sprangen?

Formal neigt Theobaldy, der viele Jahre als Parlamentsschreiber im Bundeshaus wirkte, zu kompakten lyrischen Formen: mit langen Zeilen und oft ohne Strophenstruktur. Er hält seine Beobachtungen «durch Verdichtungen» fest, wie Helmut Böttiger im Nachwort schreibt, «die fast ans Hermetische grenzen». Diesen Eindruck bestätigen die Gedichte der späten Phase, die zunehmend auch von der japanischen Lyrik geprägt sind. In ihnen klingt immer stärker, mit fortschreitender Lebenszeit, eine leise Trauer an. Der vorliegende Band fängt diese poetische Bewegung mit gut 200 Gedichten aus fünfzig Jahren ein.

Rudolf Bussmann: Im verheissenen Land

Persönliche Erfahrung und politische Krise haben sich auf Rudolf Bussmanns Reise in den politischen Hotspot Nahost überkreuzt. 2018 besuchte er Israel und die Westbank und überbrückte so für sich den tiefen Graben zwischen Tel Aviv und Hebron. Diese Reise reflektiert er in lyrischer Form in einem siebenteiligen Zyklus, der mit Verheissenes Land überschrieben ist. Die Metapher des Brückenschlags klingt freilich grossartiger, als es die Situation erlaubt. Vielmehr zeigt dieser Band einen prekären Steg zwischen zwei Hotspots, die schon vor dem Überfall der Hamas im Oktober 2023 hochgradig entzündbar waren. Allenthalben herrschten Unverständnis und Unrecht, offene Gewalt und hinterrücks Rache.

Für den Besucher aus der Schweiz ist das eine erschreckende Stimmung: «Kaue am Wort Freiheit, bis es zerbricht.» In den sieben Tagen entdeckt er im Tel Aviver Kunstmuseum ein «Reich aus Helle und Himmel», dem unweit ein Gegenreich aus Schatten kontrastiert. Er lernt mutige Menschen auf beiden Seiten kennen und ihre Situation verstehen, ohne dass der Besucher offenkundig Partei ergreift – ausser für Menschlichkeit und Gerechtigkeit. Im beeindruckenden Prosagedicht «Zwei Bohrkerne», variiert Bussman die zwei Perspektiven auf die Geschichte, indem er sie in zwei Spalten gegeneinander schneidet. Von ferne an Colum McCanns herausragendes Buch Apeirogon erinnernd, spricht er im einen der zwei «Magmagänge» von Krieg und Provokationen und setzt im anderen die Idee von Versöhnung und Frieden dazu. Diese beiden «Magmagänge», die allerorts an die Oberfläche dringen, befördern auch beim Besucher unterschiedliche Gefühle. So lässt er den einen auf «meine Hoffnungslosigkeit» enden, den anderen auf «mein Jubel» – im Klaren darüber, dass sie sich nicht aufeinander reimen.

Das »verheissene Land» verheisst momentan nichts Tröstliches. Vorab die Tage fünf und sechs, die dem Besuch auf der Westbank gewidmet sind, sind eindrücklich in ihrem Bemühen, die so gegensätzliche Stimmung weniger zu verstehen als einfach dichterisch festzuhalten. Er spricht mit einem Siedler, der alles hat und nur eines braucht: «Frieden, Freiheit, Freundschaft». Er erzählt von einem Soldaten im Kampf, und er begegnet einer palästinensischen Familie, die ihr Haus verlassen musste, den Schlüssel dazu aber «gut behütet und von Vater zu Sohn» weitergibt.
Auf viele seiner Fragen erhält der Besucher drei variierte Antworten:

Schaut dieses ausgebrannte Haus. Kennt ihr den Grund des Feuers?
Der Blitz war es vom letzten Sommer.
Der Richtende in seiner Strenge.
Ein Geschoss.

Der biblische Tonfall, auf den Bussmann hin und wieder zurückgreift, etwa in Form von akzentuierenden Umstellungen im Satzgefüge, mutet im lebhaften Tel Aviver Kapitel mitunter etwas seltsam an, doch angesichts der tief von Hass und Gewalt zerwühlten Westbank klingt er angemessen. Zwischen prosaischen und lyrischen Gedichten wechselnd und auch mit ungewöhnlichen lyrischen Formaten spielend sucht sich Rudolf Bussmann einen Eindruck zu verschaffen, ohne die Illusion einer Lösung.

Leonor Gnos: Asphaltblüten

Einen ganz anderen, persönlichen Antagonismus überbrückt Leonor Gnos in ihrem Band Asphaltblüten. Der Titel verklammert zwei Gefilde, zwei Topographien, die die 1938 geborene Autorin aus eigenem Erleben bestens kennt. Sie stammt aus dem gebirgigen Kanton Uri, in dem sie sich bis heute verwurzelt fühlt. Doch seit Ende der 1980er Jahre lebt sie in Grossstädten, zuerst im mondänen Paris, ab 2010 im pulsierenden Marseille. In ihren Gedichten begegnen sich die beiden Lebensorte, der eine aus der Erinnerung, der andere im unmittelbaren Erleben.
So heisst es in einem Gedicht ohne Titel:

Der Zauber der Strassencafés
kennt weder Zeit noch Ort
nur Beständigkeit
und die steinerne Geduld der Brunnen

Gleich auf der nächsten Seite antwortet ihm:

Die Luft riecht nach Kirschen
und salzigen Hemden
dort hebt meine Heimat an
im Licht unter Bäumen

Bindeglied der beiden Welten ist das lyrische Ich, das die Heimat aus der Ruhe des Gedenkens hervorruft, doch längst die Attraktionen der Stadt schätzen gelernt hat. Mit der Gelassenheit des Alters verbindet Leonor Gnos Zeiten und Orte und bringt sie auf den Punkt des erlebten Moments.

jeden Tag Abschied von der Kindheit
vom Dorf dem Fluss und dem Berg
Tag für Tag sich lösen von der Stadt dem Meer
den Gross- und Kleinstädten den Ländern
die verschwinden ohne Nachricht.

Ihre Gedichte pflegen eine anschauliche lyrische Sprache. Mal sind die freien Verse länger, mal kürzer, ohne Titelüberschriften, mit Bedacht gesetzt und mit zurückhaltender Bildhaftigkeit. So bleibt sie ganz bei sich, ihrer Anschauung und ihren Erinnerungen. Hin und wieder aber bricht dennoch die harte städtische Wirklichkeit durch, «der illegale Markt harter Drogen / wo öfter Geld und Mord zusammentreffen«, oder die leidvolle Geschichte Marseilles, von der ein Mahnmal für die Widerstandskämpfer im zweiten Weltkrieg erzählt. Dann wird der leitmotivische Ruf der Vögel am Morgen übertönt, und das Ich nimmt innerlich Zuflucht im Tal der Kindheit. So hallt am Ende doch das Rauschen der Reuss nach – «mit der Erinnerung an eine Sprache zwischen den Zeiten».

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